Aktuelle Debatte zu Luther

Schubert: Jedes Zeitalter läuft Gefahr, sich seinen Luther selbst zu kreieren - wir dürfen das Werk und Wirken Luthers nicht banalisieren

 

Rede der Abgeordneten Franziska Schubert (GRÜNE) in der Aktuellen Debatte auf Antrag der Fraktionen CDU und SPD: "Dem Volk aufs Maul schauen – Luther heute – Kennen und Leben christlicher Werte in heutiger Zeit"

 

54. Sitzung des Sächsischen Landtags, 17. Mai, TOP 2

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Sehr geehrter Herr Präsident, Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

 

als Katholikin lasse ich es mir natürlich nicht nehmen, in eine Debatte zu Luther einzusteigen.

 

Die Lehre Luthers hätte in einer Aktuellen Debatte zu Zeiten Friedrich des Weisen, Georg des Bärtigen und Heinrich des Frommen noch eine größere landespolitische Dimension gehabt; wie später – mit umgekehrtem Vorzeichen – auch für August den Starken. Die politische Aktualität ist heutzutage nicht mehr so ohne weiteres begründbar.

 

Es fällt schwer, Martin Luther heutzutage als politischen Denker zu aktualisieren – warum sage ich das?

 

Das hieße zunächst, den historischen Kontext zu übersehen bzw. zu unterschätzen, wie sehr Luther Kind seiner Zeit geblieben ist. Jedes Zeitalter läuft also Gefahr, sich „seinen“ eigenen Luther zu kreieren.

 

"Luther heute" heißt es im Debattentitel − dieses "Luther heute" sah im Laufe der Geschichte immer wieder anders aus; zum Beispiel im Wilhelminismus oder im Nationalsozialismus. Und Erich Honecker, der, woran die LVZ in dieser Woche erinnert hat, sogar dem Martin-Luther-Komitee der DDR vorstand, meinte einmal: "Der Sozialismus vollendet das humanistische Vermächtnis von Martin Luther." Das spottet schon den realsozialistischen Auswüchsen, deren humanistische Grundsätze unter anderem heutzutage in der Gedenkstätte Bautzen II nachzuvollziehen sind.

 

So hat jede Zeit ihren Luther. Ich finde es nicht gut, wenn wir durch eine vermeintliche Aktualisierung das Schaffen und Wirken Luthers banalisieren – so unter anderem durch das Zitat im Debattentitel, was ich gern genauer betrachten möchte. Denn das überstrapazierte "dem Volk aufs Maul schauen" ist ein Beispiel für Beliebigkeit. Es wird immer, immer aus dem Zusammenhang herausgerissen.

 

Es ging Luther dabei lediglich um den Grundsatz der Verständlichkeit beim Übersetzen der Bibel, als er im 'Sendbrief vom Dolmetschen (1530)' sagte: "(…) man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen".Heute wird das ohne weiteres auf die Politik übertragen: Man solle dem Volk aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Munde reden usw. usf. Eine Allerweltsweisheit, die mit Luther nicht mehr viel zu tun hat und ihm auch nicht gerecht wird. An Jubiläen falsche Zitate in den falschen Kontext zu setzen, ist eben nicht Aktualisierung, sondern es ist Banalisierung.

 

Jener Luther auf dem Sockel hat uns weniger zu sagen als der Luther, den jede und jeder sich aus dem historischen Kontext erschließen kann, um beispielsweise darüber nachzudenken, was Gewissensfreiheit heißt – Gewissensfreiheit – ein mächtiges Wort, ein mächtiger Orientierungspunkt.

 

Der dritte Teil des Titels dieser Aktuellen Debatte "Kennen und leben christlicher Werte in unserer Zeit?" ist von der Koalition tatsächlich mit einem Fragezeichen versehen worden. Was ist eigentlich die Frage? Wir können darüber debattieren, inwiefern es Aufgabe der Politik im säkularen Staat ist, christliche Werte zu postulieren. Ich halte das für bedenklich. Denn Staatsreligionen neigen dazu, politisch instrumentalisiert zu werden. Man muss sich nur mal umschauen auf der Welt.

 

Wer meint, politisches Handeln auf eine christliche Letztbegründung zurückführen zu müssen, halte sich an den Satz "Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

 

Ein Nachdenken über die eigene Haltung − jeden Tag aufs Neue, die eigene Ethik in den letzten zwei Jahren in Sachsen und auch jeden Tag auf´s Neue ist doch das, was Luther in uns auslösen sollte, wenn wir uns mit seinen Kernthesen tatsächlich ehrlich auseinandersetzen wollen.

 

Es ist im Übrigen kein christliches Alleinstellungsmerkmal, keine ausschließlich christliche Haltung, wie sich Schwachen und Fremden gegenüber zu verhalten ist. Dieses ethische Fundament lässt sich aus allen Weltreligionen heraus begründen – und auch aus einer humanistischen Haltung, die nicht immer dezidiert religiös begründet sein muss. Das sollte uns anhalten, uns mal wieder die Bergpredigt vorzunehmen – gerne in der Übersetzung Martin Luthers! Was ist dort zu sehen? Eine ziemlich radikale Ansage an die Einzelnen, aber kein politisches Handbuch, kein Wertekanon für eine Mehrheitsgesellschaft und schon gar keine Beschreibung einer wie auch immer gearteten „Leitkultur“.

 

Ich möchte mit der Bergpredigt enden, die ich an dieser Stelle gerne in der Fassung der „Lutherbibel 2017“ zitiere: "Habt aber acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel."