LANDTAGSREDE: Bericht zur Lage des sorbischen Volkes

Schubert: Sorbische Probleme gehen oft aus allgemeinen infrastrukturellen Problemen hervor . Hier müssen zur Not unorthodoxe Wege gegangen werden.
 
Rede der Abgeordneten Franziska Schubert zum Bericht der Sächsischen Staatsregierung zur Lage des sorbischen Volkes
74. Sitzung des Sächsischen Landtags, Mittwoch, 27. Juni, TOP 2
 
- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Wažena knjeni prezidentka", č esćene kolegowki, česćeni kolegojo,  ich freue mich zunächst, dass der Bericht über die Lage des sorbischen Volkes nach mehr als einem Vierteljahrhundert öffentlich in einem Ausschuss besprochen wurde.
 
Ich freue mich auch, dass sich im Bereich der digitalen Angebote in den vergangenen drei Jahren dank thematisch zielgerichteter Finanzierung Beeindruckendes getan hat. Onlinekurse, ein digitales Lehrwerk, das digitale Wörterbuch mit Wortgenerator – all dies kann einen großen Beitrag dazu leisten, dass es künftig einfacher wird, Sorbisch auf moderne Art und Weise zu lernen und es zeigt, dass auch kleine Sprachen in allen Lebensbereichen einsetzbar sind.
 
Übersehen dürfen wir nicht, dass der Umfang sorbischer Sprachräume – und damit die Möglichkeiten, im Alltag Sorbisch zu sprechen – in den letzten 20 Jahren insgesamt weiter abgenommen hat. Und das nicht nur aus demografischen Gründen, weil natürlich auch zahlreiche Sorben ihre Heimat verlassen haben, sondern auch durch die Schließung sorbischer Schulen wie in Crostwitz und Panschwitz-Kuckau, welche die CDU-geführte Landesregierung zu verantworten hat und die ich als besonders schwerwiegend einschätze. Die sorbische Mittelschule von Crostwitz war eine der letzten, in denen Sorbisch die allgemeine Umgangssprache war. An dieser Stelle sehen wir sehr deutlich, dass sorbische Probleme oft aus allgemeinen infrastrukturellen Problemen hervorgehen: die Schließung kleinerer Schulen bedeutet aber in diesem Fall nicht nur längere Schulwege für die Kinder, sondern bedroht ganz direkt die Zukunft der zweiten in Sachsen heimischen Sprache. 
 

Auch der chronische Lehrermangel ist kein spezifisch sorbisches Problem; er bedroht aber sorbische Schulen und damit den gesamten Unterricht in einer von zwei Sprachen Sachsens besonders massiv. Sorbische Lehrer kann man aufgrund der nötigen Sprachkenntnisse nicht einfach aus anderen Bundesländern abwerben. Daher war es eine lobenswerte Initiative, in den slawischen Nachbarländern auf die Suche zu gehen. Ob es nun an zu hohen Erwartungen oder an der mangelnden Flexibilität der sächsischen Bürokratie gelegen hat – die Bilanz ist jedenfalls ernüchternd. Von mehr als 30 tschechischen Interessentinnen hat es gerade eine in die Lausitz geschafft. Das Bildungsangebot in sorbischer Sprache ist kein freiwilliges Gimmick, sondern Verfassungsauftrag! Es sicherzustellen, hat höchste Priorität für die Zukunft der sorbischen Sprache. Hier müssen zur Not eben auch unorthodoxe Wege gegangen und bürokratische Hürden durchbrochen werden.
 
Das sorbische Magazin "Wuhladko" wird in diesem Jahr 20 Jahre alt – das könnte eigentlich ein Grund zum Feiern sein. Leider beträgt die Sendezeit dieser einzigen Fernsehsendung in obersorbischer Sprache bis heute unverändert 30 Minuten – pro Monat. Die Staatsregierung kann darin auf Anfrage "keinen Missstand" erkennen. Dabei liegt der Sendezeitanteil in sorbischer Sprache damit noch deutlich unter dem Anteil der sorbischen Bevölkerung in Sachsen. Neue Formate, tiefergehende Reportagen oder Sendungen für Kinder und Jugendliche sind in diesem begrenzten Zeitrahmen nicht umsetzbar. War Wuhladko 1998 noch einer der Vorreiter in der Fernsehlandschaft der europäischen Minderheitensprachen, hat sich die Welt mittlerweile weiter gedreht. Der ORF sendet für jede der anerkannten Volksgruppen in Österreich ein halbstündiges Magazin pro Woche, in der Schweiz wird gar täglich eine kurze Nachrichtensendung in rätoromanischer Sprache ausgestrahlt. Dass auch das Rundfunkangebot von 23 Stunden pro Woche stark ausbaufähig ist, haben auch die CDU-Fraktionen der Landtage in Sachsen und Brandenburg erkannt und schon vor zwei Jahren – zurückhaltend konservativ – mindestens fünf Stunden zusätzliche Sendezeit gefordert. Getan hat sich bisher nichts. Hier muss Sachsen –künftig hoffentlich wieder mit einem sorbischen Vertreter im MDR-Rundfunkrat – konsequent auf eine Verbesserung hinarbeiten, wenn die sorbische Sprache im medialen Bereich nicht gänzlich abgehängt werden soll.
 
Was schließlich die Präsenz des Sorbischen in der Öffentlichkeit angeht, haben wir in den letzten Monaten zumindest kleine Fortschritte erzielt: Auf Wegweisern sind deutsche und sorbische Ortsnamen künftig gleich groß und auch der Sächsische Landtag soll endlich sein zweisprachiges Türschild bekommen. Umso mehr fallen jene Bereiche ins Auge, in denen der sorbische Sachse vergeblich nach seiner Sprache sucht: sorbische Anzeigen und Ansagen in Bus und Bahn – Fehlanzeige. Sorbische Ortsnamen auf Radwegweisern – wurden in der entsprechenden Richtlinie vergessen. Formulare und Anträge in sorbischer Übersetzung – Mangelware. Und auch die Praxis der unterschiedlichen Schriftgröße auf Ortsschildern ist und bleibt eine faktische Diskriminierung, für die es keinen Sachgrund gibt.
 
All dies wird nicht über die Zukunft der sorbischen Sprache entscheiden, aber gleichberechtigte Zweisprachigkeit in der Öffentlichkeit könnte ein sichtbares – wenn nicht das sichtbarste – Zeichen sein, dass man es ernst meint mit Artikel 6 der sächsischen Verfassung, laut dem die Sorben "ein gleichberechtigter Teil des Staatsvolkes" sind. Das mag man für Symbolpolitik halten – völlig zu Recht! Sowohl für die Sorben als auch für die Mehrheitsbevölkerung ist dies aber ein bedeutendes Symbol – eines, dass Gleichwertigkeit ausdrückt.
 
Die meisten dieser Themen haben wir vor einem Jahr bereits in ähnlicher Weise besprochen. Leider sind die Schritte, die bisher unternommen wurden, bei weitem nicht ausreichend. Die Sprachenpolitik des Freistaates erinnert vielerorts an Flickwerk, von einem ambitionierten und langfristigen Plan ist wenig zu spüren. Erhalt, Stärkung und Weiterentwicklung unserer zweiten Landessprache sind eine Aufgabe, die uns alle angeht.
 
Saksk a je dwurěčna – Sachsen ist zweisprachig. Tun wir etwas dafür, dass das so bleibt.


Wutrobny dźak.