Ich habe es mir zur guten Tradition gemacht, am Vormittag des Heiligabends innezuhalten und meinen Kalender des vergangenen Jahres durchzugehen. Damit verbunden ist auch mein innerer Kalender. Wem und was bin ich begegnet, was hat das mit mir gemacht, was nehme ich mit und was lasse ich im alten Jahr? Ich schreibe einen kleinen Text darüber – ganz einfach, weil ich es will; weil ich es für mich machen will.

Weihnachten ist das Fest, an dem wir eine Ankunft feiern. Die Ankunft von Jesu Christi. Diese Ankunft steht nicht nur historisch für die Geburt eines Kindes. Sie steht auch symbolisch für das, was diese Welt so dringend braucht. Was sie durch alle Zeiten braucht. Liebe im Umgang mit dem Nächsten und der Schöpfung; Vertrauen in das, was das Herangehen aus Liebe schaffen kann.

Was sind das für Zeiten, in denen wir leben, so frage ich mich – und unter dieser Leitfrage verfasse ich meinen diesjährigen Weihnachtstext.

Ich beschließe dieses Jahr nicht sorglos, nicht unbefangen. Normalerweise trage ich einen Optimismus in meinem Herzen, einen festen Glauben, dass ich nicht tiefer falle als in die Hand Gottes und Humor – das hat mich bisher durch alle Zeiten getragen. All das begleitet mein Tun und Denken, wenn ich ganz praktisch Ideen umsetze, umzusetzen helfe und versuche, durch meiner Hand Beitrag etwas zu verändern, auch, wenn es noch so klein sei.

Doch dem Licht, was ich in mir trage und das ich zu pflegen versuche, standen 2016, auch schon 2015 große Schatten gegenüber, die mich beschäftigen.

Der Hass, der sich zwischen Menschen bequem eingerichtet hat, ist ein Umstand, an den ich mich nicht gewöhnen kann oder werde. Die Enthemmung, die sich in den Weiten des Internets entfaltet, aber auch auf den Straßen, ist nicht hinnehmbar und ich weigere mich, das als Zeichen der neuen Zeit anzuerkennen. In Dresden hatte ich dieses Jahr ein Schlüsselerlebnis. Ich war in der Altmarktgalerie, weil ich das Armband meiner Uhr dort reparieren lassen habe. Vor mir lief eine Frau mit einem kleinen Mädchen. Die Frau war Ausländerin. Aus einem Bekleidungsgeschäft kam eine Frau heraus, rempelte die ausländische Frau rüde an, aus dem Nichts heraus und sagte aus heiterem Himmel: „elendiges Drecksgesindel, verschwindet dorthin, wo ihr hergekommen seid.“ Es traf mich, als hätte sie mich gemeint. Diese Hasstiraden, die enthemmte Sprache, die Morddrohungen, die übelsten Hetzen – es ist einfach falsch.

 

„Das, was ihr dem geringsten tut, das tut ihr auch mir.“, diese Worte Jesu Christi hatte ich sofort im Kopf. Wieviele Menschen feiern ein Weihnachten, die im Herzen kein Stück davon verstanden haben und das durch ihr Denken und Handeln zum Ausdruck bringen?

Ich war nie Anhängerin von Verschwörungstheorien. Aber ich beobachte sehr sorgfältig. Und ich sehe mit Sorge, dass sich ein widersinniger Nationalismus, gepaart mit salonfähigem Antisemitismus, Alltagsrassismus und durchbrochen von sozialistischen Ideen, wie Gesellschaft zu organisieren sei, einen Weg schneidet. Erschreckend war auch für mich, dass es Menschen gibt, die das ebenfalls ungehemmt aussprechen, die behinderte Menschen am liebsten wieder aus der Gesellschaft verbannen wollen und nicht nur die UN-Behindertenrechtkonvention ablehnen sondern auch das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen. Was sind das nur für Menschen, die sich anmaßen, Lebenswertigkeit von Menschen zu vergleichen und zu entscheiden? Was sind das nur für Eltern, die ihren Kindern das Recht verwehren wollen, zu guten Menschen heranzureifen, die mit Unterschiedlichkeiten ganz selbstverständlich umgehen? Was für einen Reichtum besitzt doch der Mensch, der in der Lage ist, mit Vielfalt umzugehen, offenen Blicks durch die Welt zu gehen und Möglichkeiten zu sehen, die gebraucht werden? Es braucht solche Menschen dringender denn je.

 

Es wächst ein neuer National-Sozialismus. Ich habe das bereits 2015 formuliert; und erntete von den meisten meiner Gesprächspartner*innen eher ein Abtun. 2015 hatte ich das erste Mal Angst ob meiner politischen Aktivität. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber, darum suche ich den pragmatischen Weg. Ich wiederhole auch nach 2016 meine Beobachtung, dass nationalsozialistische Vorstellungen in Deutschland wieder salonfähig sind; und das nicht nur durch die Glatzköppe, die klar erkennbar als Nazis herumdrömeln.

Voller Überzeugung kam ich einst zurück nach Sachsen – und 2016 hatte ich Momente, wo ich das bereute. Menschen wie mich hätten die Nazis in den 1930er Jahren inhaftiert und vergast – das wurde mir bewusst. Das ernsthafte Nachdenken darüber, wohin man mit seiner Familie ins Exil gehen würde, das hat mich schon erschreckt. Ich spüre nach wie vor, dass die Demokratie in Sachsen nie gesund war und bis heute nicht funktioniert. Die Zuversicht, mit der ich für Rückkehr in die Heimat warb, hat Risse bekommen. Sie wird aufrecht gehalten von den Menschen, die neue Wege gehen trotz aller Widrigkeiten – in Görlitz, in Zittau, in Bautzen, in Nebelschütz, in Lauta, in Löbau, in Sohland a.R., in Weißwasser, in vielen Orten mit vielen kleinen Initiativen. Das bleibt mein Motor, der mich daran glauben lässt, dass es möglich ist; dass es auch in Sachsen möglich ist.

Ich gebe für diese Menschen, für diese Wege und diese Ansätze mein Bestes, um etwas (Gutes) zu bewirken. In der Begegnung mit Menschen ist es mir zunächst egal, welche soziale Herkunft, welches Alter oder Geschlecht, welchen Beruf, Kontostand oder welche Weltanschauung, Religion sie haben. Für mich zählt das Herz der Menschen.

Für mich gibt es keinen Grund für (Sozial)Neid. Für mich gibt es auch keinen Grund für Überheblichkeit gegenüber anderen Menschen. Ich verstehe Mißgunst und Konkurrenzkampf in vielerlei Hinsicht nicht. Nervig ist auch das Bedürfnis einiger Menschen, immer alles und sofort zu kommentieren, zu be- oder verurteilen, ohne, dass sich die Mühe gemacht wird, mal nachzudenken oder sich verschiedene Quellen anzuschauen. Was mich ziemlich stört und was mich vermutlich immer stören wird, ist das Festhalten am Alten und ein oftmals beschränkter Blick, der sich nicht öffnen will. Menschen maßen sich an, zu bewerten, was andere Menschen brauchen und was nicht. Diese Debatte darum, dass wir uns um Menschen kümmern müssen, nervt mich kolossal. Das mag in Einzelfällen stimmen – aber sollten wir nicht vielmehr dafür sorgen, dass sich Menschen um sich selbst kümmern können und wollen? Sich zuviel-kümmern-um-Menschen kann häßliche Züge entwickeln, zuviel-kümmern kann zu verkümmern und bekümmern führen. Wir müssen freiheitlicher denken (wollen), weg vom sich allseitig kümmernden Staat hin zu mehr Selbstverantwortung und mehr Selbstorganisation. Das hängt eng zusammen mit der Art und Weise, wie unsere Sozialsysteme gestrickt sind und wie Geld verteilt wird, wie Steuern erhoben werden, wie entschieden wird.

 

Besonders beschäftigt mich auch der Stellenwert, den Jugend einnimmt. Jugendarbeit ist so umfassend – jede Gemeinde, jede Stadt sollte das als kommunale Pflichtaufgabe verstehen und vielfältige Jugendaktivitäten fördern. Was nützt die schönste Brunneneinfassung oder Fassadensanierung, wenn die Stadt absehbar tot ist? Ich konnte dieses Jahr sachsenweit Bürgermeister*innen kennenlernen, die das schon begriffen haben; aber auch Stadträt*innen, die das nie begreifen werden.

Was sind das für Zeiten? Ja, es gab bessere Zeiten als diese. Aber: diese Zeit ist die unsere. Wir sind keine passiven Subjekte, mit denen etwas geschieht. Jede*r von uns trifft täglich die Entscheidung, wie er mit der Zeit, die uns gegeben ist, umgeht. Ob er dem Nachbarn, der Nachbarin mit Frieden oder mit Brass begegnet; ob er ein Kind anlächelt oder angrimmt; ob er Hetze im Internet teilt oder nicht dem Mainstream folgt; ob er eine gut recherchierte Zeitung liest oder das glaubt, was Pseudonews verbreiten; ob er der Zukunft eine Chance gibt oder die Vergangenheit zementieren will; ob er sich in einem Verein aktiv engagiert oder nur meckert; ob er über rassistische Witzchen im Alltag oder Karnevalsprogramm lacht oder das nicht mehr unterstützt; ob er den Fahrstuhl oder die Treppe nimmt.

 

Ich hatte in 2016 schöne Erlebnisse, denkwürdige Begegnungen, gute Gespräche. An der Basis, an den Wurzeln war ich unterwegs, weil ich alles auch von der praktischen Seite her erleben will, bevor ich politisch irgendwelche Metabotschaften sende.

Und ich habe mich nicht gescheut, dahin zu gehen, wo es unangenehm ist. Ich war beim BAMF, wo ich erleben durfte, wie eine Identitätsfeststellung gemacht wird, wie ein Interview abläuft, wie es sich anfühlt, mit 50 Menschen anderer Herkunft stundenlang in einem verdreckten und überhitzten Raum zu sitzen; ich habe diskutiert mit Menschen, die anderer Meinung sind als ich, auch in der eigenen Partei; ich bin zum Bundeskanzleramt geradelt und habe Bergbaufolgeschäden diskutiert; ich habe gespendet und Menschen mit ihren Visionen unterstützt, wo andere das als Spinnerei abgetan haben. Ich habe versucht, mein Bestes zu geben.

Ich werde das auch weiterhin tun, weil ich fest daran glaube, dass Frieden zwischen den Menschen möglich und erstrebenswert ist; dass vieles einem höheren Ziel dient, das nicht kurzfristig sichtbar wird; dass eine andere Gesellschaft möglich und erstrebenswert ist; dass Kinder im Vertrauen und nicht in Hass und Angst wachsen sollen; dass Werte nicht nutzlos sind.

 

Es ist Weihnachten – es ist die Zeit der Ankunft. Es ist die Zeit des Vertrauens und die Zeit des Friedens. Es sind unsere Zeiten.